13 February 2026, 04:49

Live-Prozess gegen Deutschland: Wie die Tagesschau ein Theater-Experiment zur Primetime bringt

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung eines überfüllten Gerichtssaals mit stehenden und sitzenden Menschen, beschriftet mit «Der Prozess gegen die britische Armee in London, England».

Regisseur Milo Rau stellt die AfD im Theater vor Gericht - Live-Prozess gegen Deutschland: Wie die Tagesschau ein Theater-Experiment zur Primetime bringt

Hamburger Lessing-Tage enden mit gewagtem Theaterprojekt: Tagesschau überträgt Live-Verfahren gegen Deutschland

Die diesjährigen Hamburger Lessing-Tage schließen mit einem kühnen theatralischen Experiment: Der Schweizer Regisseur Milo Rau inszeniert am Thalia Theater ein dreitägiges Gerichtsverfahren gegen Deutschland, das Recht und Performance verbindet. In dem fiktiven Prozess wird diskutiert, ob die rechtspopulistische AfD verboten werden sollte – die Veranstaltung wird live in der Tagesschau übertragen.

Das 2010 unter dem damaligen Thalia-Intendanten Joachim Lux gegründete Festival setzt sich seit Langem mit politischen Themen auseinander. Die diesjährige Ausgabe, kuratiert von Matthias Lilienthal – der bald die Berliner Volksbühne leiten wird –, schlägt nun radikale Töne an. Statt Schauspieler:innen übernehmen echte Jurist:innen und Rechtsexpert:innen die Verhandlungsführung; die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin übernimmt den Vorsitz als Richterin.

Raus Arbeiten verbinden oft antike Tragödien mit modernen Konflikten. Frühere Produktionen wie Orestes in Mossul verknüpften griechische Mythen mit dem vom Krieg zerrissenen Irak, während Das neue Evangelium die Passion Christi mit den Kämpfen afrikanischer Geflüchteter neu interpretierte. Das Gerichtsverfahren gegen Deutschland setzt diese Linie fort und nutzt juristische Debatten, um aktuelle politische Spannungen zu thematisieren.

Die Veranstaltung erstreckt sich über drei Tage, wobei Plädoyers und Urteile in Echtzeit übertragen werden. Das Publikum kann die Verhandlungen per Livestream auf der Website des Theaters verfolgen.

Das Gerichtsverfahren gegen Deutschland bildet einen markanten Abschluss der diesjährigen Lessing-Tage. Indem Schauspieler:innen durch Jurist:innen ersetzt werden, verwandelt die Produktion politisches Theater in ein quasi-gerichtliches Forum. Das Ergebnis – wenn auch symbolisch – spiegelt die anhaltenden gesellschaftlichen Debatten über Demokratie, Extremismus und die Grenzen der Meinungsfreiheit wider.