Wie eine Russlanddeutsche bei den Grünen für mehr Sichtbarkeit kämpft
Philipp LangeWie eine Russlanddeutsche bei den Grünen für mehr Sichtbarkeit kämpft
Natalie Keller, Aktivistin der Grünen und Kandidatin für den Stadtrat, setzt sich seit Jahren dafür ein, russlanddeutsche Frauen für die Politik zu begeistern. In Kasachstan geboren, kam sie mit elf Jahren nach Deutschland und kämpft heute gegen Klischees in ihrer Gemeinschaft. Ihr eigener Werdegang – von akademischen Studien bis zum politischen Engagement – spiegelt den Wandel wider, den Deutschrussinnen und Russlanddeutsche insgesamt durchlaufen.
1991 zog Keller nach Deutschland, nachdem sie in Kasachstan aufgewachsen war. Später studierte sie Slawistik, Pädagogik und evangelische Theologie an der Universität Erlangen mit Schwerpunkt orthodoxes Christentum. Ihr akademischer Hintergrund prägte ihr Verständnis von Identität und Gemeinschaft, doch erst die Mutterschaft trieb sie in Richtung Aktivismus.
2020 kandidierte sie für den Nürnberger Stadtrat auf der Liste der Grünen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie bereits seit fünf Jahren in Vollzeit für die Landtagsabgeordnete Verena Osgyan (Grüne). Ihr politisches Engagement wuchs aus dem Wunsch heraus, die Gesellschaft mitzugestalten – insbesondere für Frauen in ihrer Community. Keller bezeichnet sich offen als Russlanddeutsche – ein Begriff für ethnische Russen, die nach Deutschland umsiedelten. Sie betont, wie wichtig Sichtbarkeit ist, vor allem für Frauen, die traditionelle Rollenbilder durchbrechen. Um dies zu fördern, gründete sie ein Netzwerk, in dem russlanddeutsche Frauen Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig stärken.
Kellers Arbeit fällt in eine Zeit des Umbruchs: Seit Russlands Überfall auf die Ukraine 2022 distanzieren sich viele Russlanddeutsche von prorussischen Positionen. Antikriegsproteste, Unterstützung für die Ukraine und wachsende Zustimmung zu Parteien wie den Grünen oder der SPD stehen nun dem Fortbestehen einer prorussischen Minderheit gegenüber. Besonders die jüngeren Generationen, so Keller, werden politisch aktiver und artikulieren sich selbstbewusster. Für sie bleiben Netzwerke und Vorbilder entscheidend – denn Repräsentation, davon ist sie überzeugt, kann Vorurteile abbauen und andere ermutigen, sich öffentlich zu engagieren.
Kellers Einsatz verdeutlicht einen Generationenwechsel innerhalb der russlanddeutschen Gemeinschaft. Ihr Wirken – der Aufbau von Netzwerken und die Förderung politischer Teilhabe – fällt zusammen mit einer breiteren Neuausrichtung, wie die Gruppe Identität und Aktivismus begreift. Die Auswirkungen ihrer Arbeit und dieser politischen Verschiebungen werden sich in den kommenden Jahren zeigen.